Das Für und Wider von Videoüberwachung in der Bäckerei

Michael Hasecke von „Esu Control GmbH“ blickt auf 30 Jahre Erfahrung mit Sicherheitstechnik zurück, ist daneben als Gutachter für Versicherungen tätig, prüft Sicherheitstechnik auf ihre Funktion. Mit ihm sprach Uwe Schmalenbach über das Für und Wider von Viedeoüberwachung in der Bäckerei.
Frage: Vielleicht können Sie zu Anfang in zwei, drei kurzen Sätzen zu erklären, was genau Ihr Unternehmen anbietet?
Hasecke: Lösungen für spezielle Vorkommnisse.

Frage: „Spezielle Vorkommnisse“?
Hasecke: Es hat sich in Gesprächen beispielsweise mit Versicherungen, die zu hohe Schadensquoten beklagten, herausgestellt, dass in Bäckereien immer wieder ein Problem war, dass Bargeld verwahrt wird – irgendwo in den Filialen, im Kühlschrank, zwischen den Blechen, unter dem Mülleimer, in einer Aldi-Tüte; egal wo. Das Geld wurde einfach nicht sauber verwahrt. Dann haben wir einen speziellen Behälter gebaut. Einen speziellen Tresor, den wir Einwurfdeposit „EDE D“ genannt haben. Ein schöner Name für „Digital Einwurfdeposit“, in den Mitarbeiter tagsüber Geld einwerfen können, und der Bäcker holt das Geld abends wieder raus. Da kommt am Tag keiner weiter dran. Ein anderes Problem hatte sich noch ergeben, da ging es um den Zutritt zu den Filialen. Immer wieder kam es zu Schlüsselproblemen. Mitarbeiter konnten rund um die Uhr in die Filialen rein und sich bedienen. Andererseits standen Mitarbeiter vor der Tür und hatten keinen Schlüssel. Das ist natürlich ein Riesenproblem, gerade bei den Filialisten. Da gehen wir mit der digitalen Schließtechnik dran
 
Frage: Das bedeutet also, dass zwei Kernproblemfelder vorhanden waren oder vielleicht immer noch sind im Bereich der Bäckereien, nämlich einmal Umgang mit Bargeld und die Zugangskontrolle?
Hasecke: Ja, und ein dritter Bereich sind Vorfälle durch Einbruch. Da hatten wir natürlich darüber nachgedacht, was die klassische Variante mit Bewegungsmeldern bringt. Es bringt eigentlich nur das, dass, ich wenn ich nachts eine Auslösung habe, jemanden hinschicken muss. Das ist eigentlich nicht so toll, denn ich bringe Andere damit in Gefahr. Der Bäcker meint, er will dann auch den Täter schnappen. Da haben wir da gesagt, nee, wir gehen mal andere Wege und arbeiten mit Video. Anstatt des Bewegungsmelders setzen wir eine Kamera ein, und was der Bewegungsmelder früher erkannt hat, das sieht jetzt die Kamera. Sie sagt uns, da ist ein Täter oder da ist kein Täter. Dementsprechend können wir reagieren und gleich die Polizei hinbeordern oder das als falschen Alarm abhaken. Manchmal ist es ja auch nur der Lieferfahrer, der die Brötchen ein bisschen zu früh in die Filiale reinstellt und halt einfach nicht auf die Zeit achtet. Das sehen wir jetzt in einer Leitstelle, und haben die Möglichkeit, dementsprechend zu reagieren oder eben nicht. Natürlich kam mit der Kamera gleich der Einwand: „Oh, oh, Mitarbeiterüberwachung!“

Frage: Das Image von Video ist ja gerade im Zusammenhang mit Überwachung am Arbeitsplatz, besonders im Einzelhandel, nicht gerade besser geworden. Es gab einige echte Skandale – verwundert Sie, dass einige da Angst vor Kameras an der Backwarentheke haben?
Hasecke: Tankstellen, Kaufhäuser, Discounter: alle haben Video. Nur der Bäcker sagt sich: Ich habe Angst vor den Mitarbeitern. Wenn er das mit der Videotechnik richtig macht, dann kann ihm jedoch nichts passieren.

Frage: Wie macht er es denn „richtig“?
Hasecke: Wenn er die Datenschutzrichtlinien einhält, wenn er die zugehörigen Mitarbeiterinformation macht, wenn er Hinweise auf Kamera anbringt, wenn er die Datensicherung berücksichtigt. Wir erarbeiten solche Konzepte vor der Kamerainstallation mit dem Bäcker.

Frage: Aber nur die Tatsache, dass etwas wie die Kameras einen hohen Verbreitungsgrad findet, rechtfertigt ja noch nicht, dass man alle anderen Bereiche, die noch nicht kameraüberwacht sind, deswegen auch überwacht. Außerdem ist doch immer die Sorge da: Geht es darum, Arbeitsleitung und Mitarbeiter zu überwachen oder, so wie Sie eingangs beschrieben haben, wirklich nur um den Einbruchsfall?
Hasecke: Okay, wenn alle öffentlichen Plätze und Einrichtungen überwacht werden, dann sind die Diebe eines Tages am sichersten in der Bäckerei, weil die nicht überwacht werden dürfen! Das ist natürlich völliger Blödsinn. Der Bäcker darf überwachen, er muss es nur richtig machen.
 
Frage: Nochmal: Richtig heißt was?
Hasecke: Sie dürfen Kameras eben nicht nutzen, um Mitarbeiter zu überprüfen und zu überwachen, das darf man nicht machen. Aber man darf zur Qualitätssicherung in die Regale gucken. Man darf, mit dem Hausrecht, die Videoanlage nutzen wie eine Einbruchmeldeanlage. Die Kameras arbeiten ja nachts wie ein Bewegungsmelder, und da ist ja keiner im Haus. Da darf man überwachen, also hat die Videotechnik schon mal ihre Legitimation.

Frage: Und wenn es hell ist?
Hasecke: Wenn ich am Tag etwas Gutes für die Mitarbeiter machen möchte und ich überwache die Kassenzone, den Kassenbereich und den Eingangsbereich – also die Filiale an sich, ohne die Sozialbereiche, ohne jede Ecke auszuleuchten, ohne den Kaffeebereich, sondern einfach nur die Bereiche, wo ein Täter vielleicht durchgehen kann –, dann hab ich natürlich einen Riesenvorteil.

Frage: Weshalb?
Hasecke: Weil wir die Videotechnik zusätzlich ausgestattet haben mit einem Überfalltaster. Der Überfalltaster ist 24 Stunden aktiv und kann natürlich im Falle eines Falles Hilfe herbeiordern. Es ist allerdings fraglich, ob ich bei einem Überfall dumme Bewegungen machen sollte, wie den Überfalltaster zu aktiven! Da würde ich lieber vorsichtig sagen: Vorzugsweise in dem Moment das Geld aushändigen und dann im Nachgang den Überfalltaster betätigen. Gerade die Überfallnachsorge ist ein Riesenthema, und, was die Bäcker alle nicht wissen oder ganz gerne verdrängen: Ein Überfall in der Arbeitszeit ist ein Arbeitsunfall!

Frage: O.k., es kommt also darauf an, was genau ich mit „Videotechnik“ meine, das ist verstanden. Das ist indes ein pauschaler Begriff. Nur: Wo genau zieht man da die Grenzen? Man hat ja bei Negativbeispielen gesehen: Hängt die Kamera erstmal unter der Decke, allseits dreh- und schwenkbar, dann wird schnell irgendwo hingeguckt, wo der Arbeitgeber eigentlich nicht hingucken sollte…
Hasecke: Das ist so. Es gibt aber ganz klare Regeln im Datenschutz. Was man machen darf und was man eben nicht machen darf. Es gilt einfach, wirklich vorher beim Bäcker zu klären, was überwacht werden soll, mit dem Betriebsrat zu reden, einen Datenschutzbeauftragten zu benennen, der gehört werden muss, es muss ein Einverständnis der Mitarbeiter eingeholt werden, es muss eine Art Vorabkontrolle gemacht werden. Der Video-Blick ins Regal kann enorm hilfreich sein, wenn Sie dann nicht zwei Dutzend Filialen abfahren müssen, um Qualitätssicherung im Regal betreiben zu können!

Frage: Jetzt sagen Institutionen wie die Gewerkschaft NGG, dass dennoch die schönere Variante wäre, jeder Mitarbeiter fühlte sich selber so verantwortlich, für sein Regal, für seine Deko, für seine Theke, und genösse entsprechend auch das Vertrauen der Unternehmensleitung, dass es gar nicht erforderlich ist, dass von außen per Kamera kontrolliert …
Hasecke: Sollte man dann auch abends die Tür einfach offen, grundsätzlich die Schlüssel im Auto stecken lassen und überhaupt viel mehr Vertrauen haben? Das funktioniert doch vorne und hinten nicht! Leute wie Bäcker, die Filialen haben, die wissen doch, dass das ein riesen Wunschdenken ist, aber nie funktioniert. Man kann noch so viel Vertrauen haben… doch das größte Vertrauen wird immer auch gerne gebrochen. Es gibt Mitarbeiter, die ewig lange da waren, die dann in die Kasse gegriffen haben und, und, und... Die werden natürlich von unserer Firma auch aufgedeckt.
 
Frage: Ist das wirklich ein Massenphänomen oder ist es der berühmte bedauerliche Einzelfall?
Hasecke: Ich weiß es, da ich auch als Gutachter unterwegs bin, mit Personen spreche, die die Schäden haben: Das ist ganz und gar kein Einzelfall! Es wird nur nicht drüber geredet, weil Scham eine Rolle spielt. Wer redet gerne darüber, dass er betrogen wurde? Wer redet gerne darüber, dass er Leuten vertraut hat, die sein Vertrauen missbraucht haben? Natürlich wollen wir ganz ehrlich sagen: Ich glaube die Mehrheit ist noch gut! Und sicher lohnt es, Vertrauen zu geben. Aber Kontrolle ist halt ebenfalls ein wichtiger Bereich. Allerdings muss ich zugleich kurz eine Klammer aufmachen: Zu 90 Prozent haben Kritiker wie die Gewerkschaft sogar recht! 90 Prozent der Bäcker, die Filialen haben und diese Videotechnik einsetzen, begehen ganz, ganz schwere Verstöße.

Frage: Wie kommt das?
Hasecke: Sie haben nicht richtig eingewiesen, sie haben die Kameras nicht richtig positioniert, nutzen Schwenk- und Neigetechnik, haben fokussierende Systeme, so dass die wirklich mit ihrem IPhone der Bäckerin folgen können bis in die Umkleidekabine. Das gibt es immer wieder! Und dann wird auch noch im Urlaub, am Stammtisch geprahlt: „Guck mal, das ist meine Neue…“ Das ist wirklich schlimm. Da geht es drum, dass man dem Bäcker sagt: „Vorsicht!“

Frage: Das heißt also, die Negativbeispiele gibt es auf beiden Seiten nach Ihrer Erfahrung?
Hasecke: Ja, absolut.

Frage: Kann der Bäcker datenschutzrechtliche Bestimmungen überhaupt selber richtig anwenden oder braucht es immer fachkundigen Rat, Unterstützung von außen?
Hasecke: Ohne den externen Berater geht es nicht. Wir sind ja auch soweit, dass wir heute zumindest das Gespräch vorher dringend einfordern, bevor wir überhaupt irgendwas einbauen. Die meisten Bäcker sind sehr dankbar darüber und freuen sich, dass wir diese Wege gehen. Ich habe auch schon eine Bäckerei gesehen, da hingen sechs Kameras unter der Decke, bei drei Metern Theke! Da hatte der Bäcker auf jedes Blech eine Kamera gerichtet. So etwas geht nicht, da baue ich einen unerträglichen Überwachungsdruck auf. Außerdem sollte der Bäcker wissen, wie seine Produkte aussehen, wenn sie die Backstube verlassen – nicht erst, wenn sie in der Theke zu sehen sind!

Frage: Somit müsste es Ihnen ein Dorn im Augen sein, dass jedermann für 50 Euro aufwärts im Internet jederzeit eine Kamera bekommen kann – ohne jede Beratung und erst recht mit keinerlei Überprüfung, ob dann hinterher der Mensch, der sich so eine Kamera bestellt, diese auch rechtlich zulässig einsetzt?
Hasecke: Stimmt! Punkt!

Frage: Und wie ist es mit der Sicherung solcher Einrichtungen gegen Unbefugte?
Hasecke: Funktechnik zum Beispiel ist das größte Grauen! Die wird bei uns überhaupt nicht empfohlen oder eingesetzt, es wird nichts mit WLAN-Technik gemacht. Denn dann kann man Bilder von allen Ecken der Welt aus ziehen. Dass man heute alles hacken kann, dass man viele Sachen machen kann, da ist keiner vor gefeit. Aber es geht ja immer noch darum, dass man es erschwert, weshalb wir nur gesicherte Datenleitungen einsetzen.

Frage: Gesicherte Leitungen – aber verunsicherte Mitarbeiter, wenn die Kameras aufgehängt werden?
Hasecke: Wir haben da ein paar Regeln, die die Sache ausmachen. Mitarbeiter, Betriebsrat, Datenschutzbeauftragte werden vor der Montage eingebunden! Es wird vorher das Einverständnis eingeholt. Wir machen eine Vorabkontrolle, und es ist rechtlich geregelt, was dabei gemacht werden muss. Die Bereiche, die gesehen werden sollen, werden definiert und festgelegt. Auch den Mitarbeitern wird gezeigt: Guck mal, das ist der Bereich, so dass kein Überwachungsdruck aufgebaut wird. Wir bauen keine Schwenk-/Neige- oder fokussierenden Systeme ein! So dass wir nicht irgendwen verfolgen können und gucken welche Hose trägt sie heute, hat sie sich die Hände nicht gewaschen? Das geht mit dieser Technik nicht. Wir gucken nicht in Sozialräume, nicht in Umkleideräume, es werden keine hochauflösenden Kameras eingesetzt, es gibt keine Voratsdatenspeicherung. Besucher und Mitarbeiter werden auf die Kamera hingewiesen, wir setzen keinerlei versteckte Kameras ein.

Frage: O.k., aber dann müssen wir sagen, es gibt Videotechnik und es gibt Videotechnik. Wenn ich das alles über einen Anbieter wie Ihr Haus beziehe, dann habe ich eben dieses Komplettpaket, das die Überwachung für die Mitarbeiter verträglicher werden lassen. Aber gegen den Bäckermeister – und das ist dann die andere Sorte Videoüberwachung –, der sich online eine Kamera ersteigert, per Post schicken lässt und die selber unter die Decke der Backstube dübelt, gegen den kann man dann im Moment nichts machen, oder?
Hasecke: Nein, das ist genau der, dem ich die Hand geben möchte, dass er sich bei uns meldet und mit uns schaut, was man machen kann. Es gibt ganz klare Regeln. Wenn die eingehalten werden, ist Videotechnik in der Bäckerei in Ordnung.

Frage: Und unsere Datenschutzgesetze sind Ihrer Meinung nach ausreichend?
Hasecke: Sie sind ausreichend, allerdings ist in verschiedenen Bereichen „Gummi drin“, wo man die Regeln noch genauer definieren sollte. Doch, die Datenschutzregeln reichen aus – es dürften aber auch nicht weniger sein. Es muss schon immer klar sein, welche Bereiche werden überwacht, wie lange speichere ich und dass ich Mitarbeiter informiere – das sind die Kerndinge, die auf jeden Fall geregelt sein müssen.


Sicherheit im Verkauf

Lesen Sie den aktuellen Bericht, erschienen im Backbusiness, Ausgabe Januar 2015.

Hier der Bericht.